Wir blicken zurück: Ein Jahr Hausunterricht

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Wie viele wissen, haben wir uns im Jahr 2019 für das Abenteuer Hausunterricht entschieden. Was unsere Beweggründe waren liest du im Beitrag Ein Start in ein neues freies Leben. Damals wurden wir dann mit vielen Fragen konfrontiert. Die 10 häufigsten Fragen an uns habe ich danach im Beitrag zusammengefasst. An dieser Stelle waren dann natürlich noch Fragen offen. Doch zu diesem Zeitpunkt konnte ich sie nicht beantworten.

Jetzt – nach einem Jahr Hausunterricht – kann ich natürlich einige Fragen auffassen und beantworten. Heute erzähle ich, wie das Jahr ablief und wie die Prüfungen waren. In einem eigenen Beitrag erzähle ich, auf was wir im Hausunterricht verzichten (kleiner Spoiler: es ist nicht viel 😉 )

Ein Jahr Hausunterricht – Frei und selbstbestimmt lernen

Nach diesem Jahr kann ich mit Sicherheit sagen, dass freies und selbstbestimmtes Lernen kein Mythos ist. Die Kinder wussten immer, was zu tun ist und bis wann sie bestimmte Lernstoffe können müssen. Am Anfang war es ein wenig holprig doch nach ein paar Wochen hatte jeder seinen Lernrhythmus gefunden.

Ich kann mich an einen Vormittag erinnern, da fing Mad Max schon sehr früh zu lernen an, weil er eben gerade fit war. Bereits um 10 Uhr war er mit seinem Tagespensum fertig. Er blickte auf die Uhr und war über die Zeit erstaunt. Er meinte: „Was? Erst 10 Uhr? Ich bin schon fertig. Während die anderen in der Schule sitzen und am Nachmittag noch Hausaufgaben machen müssen, habe ich bereits frei.“

Ein anderes Mal kam er so gar nicht in die Gänge und setzte sich erst spät hin und war dementsprechend spät fertig. Doch es machte nichts, denn er hatte es sich selbst so ausgesucht. Und manchmal, wenn die Kinder gar nicht wollten – dann machten sie nicht. Dafür machten sie keine Ferien im herkömmlichen Sinne oder sie arbeiteten auch mal am Wochenende ihren Stoff durch.

Die Anzahl der passiven Lernstunden

Wir haben uns darauf geeinigt, dass sie keine bestimmte Anzahl an Stunden lernen müssen. Schon gar nicht am Stück. Nur das Tagespensum an Stoffgebieten wurde festgelegt. Es war ihnen schnell bewusst, dass sie mehr Freizeit haben, wenn sie ihre Lernstunden nicht auseinanderreißen, sondern erst dann wieder aufstehen, wenn sie fertig sind. Somit kamen sie meistens auf tägliche Lernstunden von 3 Stunden bis 4 Stunden. Natürlich machen sie, wie auch in der Schule, zwischen den Fächern eine Pause.

Die Anzahl der aktiven Lernstunden

Ziemlich bald im Hausunterricht stellte ich fest, dass die Kinder nach den Theoriestunden in eine aktive Lernphase wechselten. Gelerntes wurde umgesetzt. Learnig-by-Doing-Prinzip. Und das half ihnen beim Verstehen des Stoffes.

Sehr vieles, das die Kinder in der Theorie lernen, lässt sich im täglichen Leben integrieren. Daher kann ich gar nicht genau sagen, auf wie viele aktive Lernstunden die Kinder täglich kommen. Mittlerweile setzen sie Gelerntes auch im Spiel um.

Lernen und Entdecken macht ihnen viel mehr Spaß als zuvor. Es bleibt ihnen auch mehr Zeit dafür, denn sie müssen theoretisches Wissen nicht in Form von theoretischen Hausaufgaben festigen, sondern können es sofort in die Tat umsetzen.

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Gelerntes aus dem Sachunterricht wird sofort umgesetzt

Lernzwang – aber nur ab und zu

Was märchenhaft klingt, hat ein kleines Aber. Frei und selbstbestimmtes Lernen ist meiner Meinung nach ein sehr gutes Modell. Aber wie bei allem im Leben gibt es auch hier eine Kehrseite.

Nicht immer funktioniert es, dass die Kinder sich die Zeit völlig frei einteilen können. Ich denke an Einkaufstage, an denen sie am besten davor den Tagesstoff durchgenommen haben. Wenn sie dann nicht wollen, sich nicht überreden lassen und auch kein Spielraum mehr fürs Aufschieben bleibt, dann bleibt nur mehr der Zwang über.

Oder wenn Familienbesuche am Programm stehen. Auch hier kann es schon einmal zum Zwang führen, damit sie ihren Stoff durchnehmen.

Doch auch hier lernen sie etwas für ihr Leben: nicht immer wird alles so ablaufen, wie sie es gerne hätten. Hin und wieder muss man sich einer Situation oder sogar einem Menschen beugen. Ich denke nur an die Arbeitswelt, die auf sie wartet. Sie werden sich ihrem Vorgesetzten vor allem an Anfang häufiger beugen müssen. Auch wenn sie besser wissen.

Anmerkung: Zwang ist kein Erziehungsstil. Schon gar nicht meiner. Aber wenn Kind stur ist, muss Mama noch mehr stur sein.

Die Prüfungsvorbereitung

Ich gebe ehrlich zu, dass ich zum Ende hin wieder enorme Zweifel hatte. Nachts lag ich wach und fragte mich, ob ich meinen Kindern durch das Abenteuer Hausunterricht nicht doch die Zukunft verbaut hatte. Plötzlich war ich mir mit der Art, wie wir gelernt haben, nicht mehr sicher. Vielleicht hatten sie doch zu wenig vom Stoff gelernt?

Dabei waren die Kinder Ende April mit dem Jahresstoff durch.

Der Mai stand dann ganz im Zeichen der Vorbereitung für die Prüfung im Juni. In vier Wochen wiederholten wir, was sie noch nicht so gut verinnerlichten. Zu unserem großen Glück erwischten wir eine sehr kooperative Volkschule, die die Prüfung abnehmen würde.

Die Lehrkräfte, die unsere Buben prüfen würden, ließen uns eine Übersicht des Stoffes zukommen und notierten zu jedem Stoffgebiet dazu, worauf sie besonders schauen würden. Gut, die Übersicht war eigentlich der Lehrplan für das ganze Jahr – klar, ist ja auch eine Jahresprüfung – aber wir hatten eine Übersicht und konnten so noch schneller rausfiltern, welchen Stoff die Kinder noch einmal genauer durchnehmen müssen.

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Mad Max bei seiner Vorbereitung

In meinem Hinterkopf immer die Zweifel. Doch ich zeigte es den Kindern nicht. Ich ermutigte sie und nahm ihnen ihre eigenen Bedenken. Gegen Ende der Vorbereitungszeit freuten sie die Kinder auf die Prüfung. Das war gut. Freude ist besser als Angst. Zumindest das hatte ich hinbekommen.

Die Prüfung

Bei der Prüfung selbst war ich natürlich nicht dabei. Wir brachten die Kinder zur Prüfungsschule. Die Lehrkräfte übernahmen die Kinder und verschwanden für ca 3 Stunden in verschiedenen Klassenzimmern.

Sie waren sehr nette Leute. Höflich, offen und nahmen uns Eltern die Nervosität. Alles würde gut gehen. Die Schauermärchen anderer Eltern, von wegen es wären ganz strenge Lehrkräfte, die etwas gegen Hausschüler hätten und die Eltern das spüren lassen würden und den Kindern sowieso, bestätigten sich nicht.

Nach 3 Stunden kam Constantin mit einem strahlenden Lächeln zu mir. Seine Prüferinnen strahlten nicht weniger. „Ein sehr geschickter Bub. Und er verfügt über sehr großes Wissen. Er hat das ganz toll gemacht. Großes Lob an die Mama.“

Der Stein, der mir vom Herzen fiel, den hörte man bestimmt noch in Wien. Doch dann stieg die Spannung. Mad Max kam nicht. „Oh je!“, dachte ich. Ich wurde nervös und mit jeder verstreichende Minute wurden meine Fingernägel kürzer.

Nach insgesamt vier Stunden kam er zu mir. Nicht strahlend. Abgekämpft war eher sein Ausdruck. Seinen Prüferinnen war allerdings etwas anderes ins Gesicht geschrieben. „Ganz toller Bursch. Unheimlich großes Wissen und wir finden das so toll, dass Sie seine Talente fördern. Nur manchmal ist er sich unsicher und antwortet nur zögerlich. Dabei weiß er es genau.“ Den Stein, der mir da vom Herzen fiel, den hörte und spürte man höchstwahrscheinlich noch in Tokio.

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Erschöpft aber glücklich – Prüfung bestanden

Ein Jahr Hausunterricht vorbei – ein neues in den Startlöchern

Nun sind meine letzten Zweifel vom Tisch. Wir werden weiterhin die Kinder zuhause unterrichten. Allerdings habe ich die Buben gefragt, ob sie weiter zuhause lernen wollen oder doch wieder zur Schule gehen wollen.

Dean war sich sofort sicher. Er bleibt weiterhin zuhause. Mad Max überlegte bis zum Schluss. Schließlich kommt er nun in die neue Mittelschule. Doch auch er entschied sich für Hausunterricht. Denn das selbstbestimmte und freie Lernen – mit hin und wieder Zwang – ist für ihn doch attraktiver als feste Zeiteinteilungen, die er nicht beeinflussen kann.

Hausunterricht für jede Familie?

Ganz klar: Nein! Das kommt auf viele verschiedene Faktoren an. Ich habe diese Entscheidung vor einem Jahr nicht leichtfertig getroffen. Wir haben uns viel über alternative Schulen informiert, über Hausunterricht und Lerngruppen. Wir haben mit Eltern gesprochen und uns die Vor- aber auch die Nachteile genau aufzeigen lassen.

Schon im Vorfeld haben wir uns informiert, wo wir Unterstützung erhalten, wenn wir einmal ausfallen. Wir bezogen unsere ganze Familie mit ein. Im Endeffekt entschieden wir uns für den Hausunterricht, denn alternative Schulen (zB nach Montessori) gibt es zwar aber die nächstgelegene ist zu weit weg und Bus bekommen die Kinder keinen und sie ist natürlich eine Privatschule. Da braucht man ein bisschen Kleingeld.

Der größte Faktor ist das Kind selbst.

Macht es, was es machen muss? Denn Hausunterricht ist nicht gleichzustellen mit Freizeit.

Ist es gewillt, den Stoff anders zu lernen als in der Schule? Jedes Kind ist anders und braucht andere Dinge, um einen Stoff lernen zu können. Manche Kinder brauchen einfach den Frontalunterricht. Im Hausunterricht gibt es diesen in der Form aber nicht.

Ist ständiger Hausunterricht vergleichbar mit dem Homeschooling während der Corona-Krise?

Nein. Das kann ich deswegen so genau sagen, weil mein ältester Sohn eine höhere Schule besucht und ebenso wie tausende andere Schüler plötzlich zuhause Unterricht hatte. Ich weiß, war nicht lustig für die Familien und die Schüler. Für die Lehrkräfte eine Herausforderung. Plötzlich findet Unterricht ganz anders statt.

Die Folge im Falle von meinem ältesten: In den Fächern, in denen die Themengebiete erklärungsintensiv sind – zB Mathematik – wurde keine neuer Stoff gelehrt. Die Schüler bekamen Aufgaben zur Übung, aber nur von den Stoffgebieten, die sie zuvor in der Schule, im Klassenverband und mit Professor erarbeitet wurden. Nur in den Fächern, in denen der Stoff nicht erklärungsintensiv ist, wurden auch neue Themen gelehrt und durchgenommen.

Im ständigen Hausunterricht müssen aber alle Stoffgebiete selbst erlernt werden. Erklärung gibt es von Mama oder Papa. Hin und wieder vielleicht von einem größeren Geschwisterkind. Doch das erzähle ich in einem anderen Beitrag noch genauer.

Wir blicken zurück: Das haben wir gut gemacht

Mit Spannung starteten wir bereits in den Ferien in die neuen Stoffgebiete. Und unser Mupfel möchte so sehr schon lesen, schreiben und rechnen, dass er sogar im September losstartet, obwohl er noch ein Jahr Schonfrist hätte 😉 Seine freie und selbstbestimmte Entscheidung, die wir unterstützen.

Wie waren deine Erfahrungen mit Homeschooling? Könntest du dir das auf Dauer vorstellen? Ich freue mich auf dein Kommentar 🙂

Wir lesen uns =),
Babsi Hey


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