Autonomiephase? Was ist das und warum haben das meine Kinder nicht?

autonomiephase trotzphase

Ich kann lesen. Ja, ganz ehrlich. Das kann ich. Und ich verstehe auch, was ich gelesen habe. Wirklich. Da kann ich mich glücklich schätzen. So, wäre das einmal geklärt. Nachdem ich lesen kann, tu ich es auch. Ganz ehrlich. OK, ich bin jetzt nicht so der Roman Leser. Eher Fach- und Sachliteratur.

Und in dem ganzen Literaturdschungel gibt es eine Sparte, um die mache ich einen echt großen Bogen. Die kommen mir nicht ins Haus, es sei denn, ich bekomme sie geschenkt. Das sind Erziehungsratgeber. Ich hab das mal eine Zeit lang versucht. Doch das war nicht meins. Entweder es stehen Dinge drinnen, die ich schon vorher so gemacht habe oder es stehen Dinge drinnen, die ich nie machen würde, oder Dinge, die eine Mama sowieso nur verwirren und an sich zweifeln lassen.

Also erziehe ich seit beinahe 14 Jahren ohne Erziehungsratgeber. Ich erziehe aus meinem Bauch heraus und wenn ich wirklich einmal komplett ansteh‘, frag ich meine Mama. Schließlich hat sie fünf Kinder groß gezogen. Teilweise ganz alleine. Und aus uns sind auch „gerade“ Menschen geworden (abgesehen davon, dass wir krumm stehen).

Ausnahmen

Natürlich gibt es Ausnahmen. Jeder weiß, dass Ausnahmen die Regel bestätigen. Also lese ich schon „Erziehungsratgeber“ im weiteren Sinne. Ich lese gern in anderen Familienblogs. Denn wer kann dich besser beraten, als jemand, der selbst in einer zumindest ähnlichen Situation steckt.

Als Leser von Familienblogs sitze ich dann oft kopfnickend da und bin erleichtert, dass ich nicht die einzige bin, der es so geht. Manchmal gibt es auch gleich einen Lösungsansatz der Bloggerin mitgeliefert und wenn es ist, dass sie dir sagt, es muss dir einfach egal sein.

So weit, so gut. Nun ist es aber manchmal so, dass Bloggerinnen Erziehungsratgeber lesen. Ja, und dann fallen Ausdrücke, die jedem klar sind nur der lieben Babsi nicht. Also sitze ich da, habe einen tollen Blogbeitrag gelesen und habe keine Ahnung, worum es geht. Beispiel gefällig?

Die Autonomiephase

In letzter Zeit lese ich ganz oft das Wort „Autonomiephase“. Ja Himmelherrschaftszeiten! Was denn das? Und wieso gibt es so Titel wie „Entspannt durch die Autonomiephase“ oder „Das Kind durch die Autonomiephase begleiten, ohne dabei durchzudrehen“ (die Titel sind frei erfunden). Und da ich nicht wusste, was das ist und fix davon überzeugt war, dass das meine Kinder nicht haben (klingt ja wie eine Krankheit), habe ich Texte mit so Titeln erst gar nicht gelesen.

So, also ein Thema, das mich fix nicht betrifft. Obwohl das Gefühl in mir immer größer wurde, mit meinen Kinder stimmt was nicht, weil die das nicht haben. Als scheinbar die einzigen Kinder unter unserer Sonne. Langsam aber sicher wurde ich stutzig. Bis ich den Titel sah (der ist jetzt auch aus den Fingern gesaugt, aber so ähnlich war der. Betreffende Bloggerin möge sich bei mir melden, wenn sie weiß, dass ihr Text gemeint ist, dann verlinke ich selbstverständlich)

Autonomiephase oder Trotzphase:…

AAAAAAAAch sooooooooooo! war meine Reaktion. Bei der Autonomiephase geht es also um die weit bekannte Trotzphase. Alles klar. Na war ich vielleicht erleichtert. Das haben meine Kinder natürlich auch. Hätte mir aber auch klar sein können, oder? Schon alleine wegen dem Wort „Autonomie“. Wenn man sich ein wenig mit Fremdwörtern auskennt, so wie ich normaler Weise schon, dann ist einem das schon gleich klar. Hatte wohl ein Brett vorm Kopf.

Also bei der Autonomiephase handelt es sich schlicht um die Trotzphase. Das beginnt in dem Moment, wo dein Baby feststellt, dass es eigentlich eine eigenständige Person ist und nicht mit Mama eine Einheit bildet. Also möchte es alles SELBST machen. Und SELBST entscheiden. Und da beginnen die Diskussionen. Was angezogen wird, was gespielt wird, was gegessen wird, wann gegessen wird, und so weiter und so fort. Wutanfälle stehen fast an der Tagesordnung und als Mama stößt man oft an die eigenen Grenzen der Geduld.

Überhaupt dann…

wenn das Kind sich noch nicht richtig ausdrücken kann und du erraten musst, was es will. Erst vor ein paar Tagen hatte ich so eine Situation mit meinem Mupfel. Er hatte einen Filzstift in der einen Hand und in der anderen Hand die Kappe dazu. Nach mehreren gescheiterten Versuchen, die Kappe auf den Filzstift zu stecken, begann er zu brüllen. Also hab ich ihm meine Hilfe angeboten. Gut, er gibt mir Kappe und Stift. Ich setzte die Kappe vorne drauf, hielt ihm den Stift hin und er…brüllte. Also nahm ich die Kappe wieder ab und steckte sie hinten drauf und er…brüllte noch mehr. Ich nahm den verdammten Stift, nahm die blöde Kappe wieder ab und hielt ihm den Stift ohne Kappe hin und er…da war’s dann ganz aus und vorbei mit ihm. Also nahm ich den behämmerten Stift samt Kappe und räumte ihn weg. Nach dem Motto: Aus den Augen aus dem Sinn. Und siehe da, Mupfel beruhigte sich und machte sich auf in neue Abenteuer.

Die Moral der Geschichte

Ich lese jetzt trotzdem keine Erziehungsratgeber und Texte über die Autonomiephase auch nicht. Auch nicht über die Trotzphase, denn das versprochene Ende gibt es sowieso nicht. Einmal in dieser Phase und du kommst da nie wieder raus. Das einzige, das sich ändert, ist das Verhalten. Bist du erwachsen, sagst du nicht mehr „Das sage ich meiner Mama/meinem Papa“. Da sagst du halt dann „Das erzähl ich alles meinem Anwalt.“

Du sagst auch nicht mehr „Mama, ich find dich grad voll doof und gemein, weil ich das so nicht machen darf.“ Sondern du denkst dir nur „Ich mach das jetzt trotzdem genau so“ und dann gehst du zu deiner Mama und sagst „Mama, du hattest recht. So hätte ich das wirklich nicht machen sollen.“

Mein Tipp für diese Phase

Dein Kind lernt jeden Tag. Jeden Tag will es etwas neues selbst ausprobieren. Hilf ihm dabei. Zeige Grenzen auf. Vor allem deine eigenen. Es muss lernen, dass es hier nicht der einzige Mensch auf Erden ist und dass man auch zurück stecken muss. Man kann nicht alles haben und schon gar nicht gleich in dem Moment, in den man es möchte. Selbstständigkeit bedeutet auch Verantwortung übernehmen. Je kleiner dein Kind noch ist, umso mehr liegt die Verantwortung bei dir. Umso sturer musst du bleiben. 

Klingt hart, ist es auch und ist trotzdem wichtig. Erkläre aber diskutiere nicht. Zu mindest nicht, wenn es wütend ist. Dein Kind lernt dann schnell, dass Anfälle eher nicht zum Ziel führen. Und es lernt, dass man über alles reden kann. Im richtigen Ton.

Einem Trotzanfall entgegen wirken

Gib deinem Kind Wahlmöglichkeiten vor. Beispiel Anziehen: Suche die Kleidungsstücke zusammen, die du für angebracht hältst. Von jedem Teil 2 Stück. Und dann lass dein Kind entscheiden, was es nun anziehen möchte. Wenn es nach einem bestimmten Stück fragt, das aber grad in der Maschine ist oder zum Trocknen hängt, dann erkläre es und versprich, dass es das bald wieder anziehen kann. In dieser Situation hat es gelernt, dass es in Entscheidungen mit einbezogen wird und dass seine Wünsche ernst genommen werden. Die Anfälle bei der Kleidungsdiskussion werden abnehmen bzw ganz ausbleiben.

Und dieses Prinzip kannst du in jeder möglichen Situation anwenden. Es wird nicht immer funktionieren. Es ist auch kein Wundermittel. Aber bei uns funktioniert das mit den Wahlmöglichkeiten sehr gut. Ich wurde schon so erzogen und ich erziehe so. Bei uns gibt es selten „Wenn, dann“ Situationen. Wir sind mehr die „Entweder, oder“ Familie.

Was lernt mein Kind in der Trotzphase? 

Es ist wichtig, dass dein Kind schon in der ersten großen Trotzphase lernt, dass Wut nix bringt. Es muss hier schon lernen, wie man besser mit den Eltern „spricht“, um das zu erreichen, was man möchte oder eben Wahlmöglichkeiten bekommt. Denn die nächste, sehr bedeutende Trotzphase kommt in der Pubertät. Und ich sehe es bei meinem Pubertier, dass er so auf mich zugeht, wie damals, als er noch klein war.

Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr! Findet gemeinsam mit eurem Kind den richtigen Weg durch diese anstrengende Phase. Zeigt ihm den richtigen Umgang mit Wut. Und alles wird gut. Wir wollen für unsere Zukunft keine Menschen, die fiese Egoisten sind, die gelernt haben, dass sie nur wütend um sich schlagen müssen, um etwas zu erreichen. Unsere Kinder sind schließlich die zukünftigen Politiker, Ärzte, Wissenschaftler, Hoffnungsträger etc.

Wie geht ihr mit Trotz eurer Sprößlinge um? Sagt ihr rechtzeitig, dass es bald den Bogen überspannt hat oder lasst ihr eure Kinder sogar ab und zu gewinnen? Welche Tipps könnt ihr einer suchenden Mama geben?

Schreibt es in die Kommentare. Ich bin gespannt.

Eure Babsi

Beitragsbild von pixabay.com


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