Kinder dürfen auch mal anstrengend sein

Dieser Beitrag ist allen Mamas gewidmet, die ein aufgewecktes und lebhaftes Kind haben. Die eigentlich glücklich darüber sind, weil wir wissen alle, wie dankbar wir dafür sein müssen. Und dann müssen wir uns mit Kommentaren wie “Hast schon mal nachschauen lassen? Dein Kind hat vielleicht ADHS.” rumschlagen.

Er ist denen gewidmet, die genau solche Aussagen machen. Denn es ist unfair von euch. Unfair uns Mamas gegenüber und noch viel unfairer dem aufgeweckten, kleinen Menschen gegenüber, dessen einziger Fehler es ist, ein Kind zu sein.

Und er ist den Eltern gewidmet, deren Kind(er) tatsächlich ADHS hat/haben. Denn es ist auch ihnen gegenüber unfair. Ein Kind, das einfach nur lebhaft ist, ist anstrengend. Aber ein Kind zu haben, das tatsächlich ADHS hat ist eine wahnsinns Herausforderung. Warum ich das weiß? Weil ich mit einem Jungen in die Klasse ging, der tatsächlich ADHS hatte. Und diese Kinder sind nicht einfach nur lebhaft. Sie leiden. Sie werden missverstanden. Und sie können aus ihrer Haut nicht raus. Mitmenschen sind überfordert und grenzen das Kind aus. Nein, es ist nicht schön. Nicht für das Kind, nicht für die Eltern.

Der Grund für diesen Beitrag

Nach meinem Beitrag über Das erste Monat in der Schule kamen einige Kommentare in eben diese Richtung. ADHS! Tja, das fand ich schade. Denn es wurde wohl die gute Botschaft stur überlesen. Dass sich die Zeiten scheinbar ändern. Lehrkräfte in der Volkschule (Grundschule) bekommen die Möglichkeit zum Wohl der Kinder zu entscheiden. Sie dürfen sich an das Tempo der Kinder anpassen. Soweit, wie es im Klassenverband möglich ist, können sie sich auch auf die unterschiedlichen Lerntypen einlassen. Es findet ein Wandel zu Gunsten der Kinder statt. Und als Antwort auf eine Frage, die ich nie gestellt habe, bekomme ich ADHS.

Ganz ehrlich? Das war demotivierend. Und es war nicht nett. Ich weiß, wie Hausaufgaben eines ADHS-Schülers aussehen. Hab es ja weiter oben schon erwähnt. Ich kenne ADHS aus eigener Erfahrung. Mein Kind erledigt seine Aufgaben. Mal wunderschön, mal weniger schön. Er macht seine Sache gut und mit Freude. Und er macht sie auch schnell. Mal mehr, mal weniger schnell.

Was ist passiert?

Warum bekommen Kinder heute, wenn sie lebhaft sind und quirlig, sofort eine Verhaltensauffälligkeit “diagnostiziert”? Noch dazu von Menschen, die wahrscheinlich gar nicht wissen, was ADHS überhaupt ist. Wie traurig, triste und grau wäre unsere Welt, wenn alle gleich wären? Jeder lernt gleich, jeder ist still, keiner ist bunt und kreativ. Niemand hätte eine Meinung und niemand würde etwas sagen.

Es gibt Kinder, die so sind. Sie sind still, weil sie nicht laut sein können. Den ganzen Tag sitzen sie, weil sie nicht laufen können. Sie waren noch nie frech zu ihren Eltern, weil sie nicht frech sein können. Sie haben noch nie die Wände beschmiert, weil sie es nicht können. Sie haben noch nie gelacht, weil sie es nicht können. Sie haben noch nie einen Wutanfall beim Einkauf gehabt, weil sie nicht können.

Und jetzt geht und fragt diese Eltern, wie sehr sie sich wünschen, ihr Kind könnte genau das sein. Laut und quirlig. Frech, bunt und kreativ. Sie würden alles dafür geben. Ihr eigenes Leben würden sie opfern, damit ihr Kind genauso sein kann.

Nein, da mache ich nicht mit

Meine Kinder dürfen laut und quirlig sein. Ich sage ihnen schon, wenn sie zu weit gehen. Und wenn mein Mad Max bei der Hausaufgabe erzählt, wie sein Tag so gelaufen ist und was ihn beschäftigt, dann darf er das. Denn soll ich euch was sagen? Ich bin Mama von vier Kindern. Jeder braucht meine Aufmerksamkeit und jeder einzelne von ihnen weiß, wie er sie bekommt. Und wenn ich mit meinem Sohn beim Tisch sitze und er erzählt und schaukelt mit den Beinen unterm Tisch oder wechselt auch mal auf meinen Schoß, dann ist das schön und nicht verhaltensauffällig! Wenn er genau das von mir braucht, damit die Aufgaben ordnungsgemäß erledigt werden, dann nennt sich das OK und nicht ADHS.

Und ich möchte ein großes Lob an die Lehrkräfte und Schulen aussprechen, die wirklich bemüht darin sind, dass die Kinder einen sanften Wechsel von Kindergarten in die Schule haben. Sie begleiten die Kinder auf einen möglichst schönen Weg in einen neuen Lebensabschnitt. Was soll daran falsch sein?

Sie akzeptieren keinen Störenfried (so wurde mein Kind auch betitelt) sondern sie akzeptieren die Tatsache, dass die Kinder erst lernen müssen, dass die Schule ganz anders ist, als der Kindergarten.

Hinsetzen und Klappe halten kommt noch früh genug.

Zum Schluss noch Fakten und Zahlen

Fakt ist, jeder hat seinen Weg neuen Stoff zu lernen. Man nennt das ganze Lerntyp. Es gibt vier Lerntypen und jeder hat einen Hauptlerntyp. Wenn man herausfindet, welcher das ist, dann kann man darauf reagieren und Lernstress oder Lernfrust kommen erst gar nicht auf. Zu diesem Thema habe ich einen eigenen Beitrag geschrieben.

Was beim Lernen auch noch wichtig zum Beachten ist, ist die Aufmerksamkeitsspanne. Die ist abhängig vom Lebensalter und vom Interesse. Je größer das Interesse für ein Thema umso länger kann man sich darauf konzentrieren. Bei Kindern gelten diese Durchschnitte:

Aufmerksamkeitsspanne bei Kindern

5-7 Jährige durchschnittlich 15 min
7-10 Jährige durchschnittlich 20 min

Quelle: Stangl, W. (2016). Konzentrationsspanne. Lexikon für Psychologie und Pädagogik.
WWW: http://lexikon.stangl.eu/6553/konzentrationsspanne/ (11-10-2016)

Mein Appell

Hört auf! Nicht jedes Kind, das mal laut und ungut ist hat ADHS. Tollabea hat es in Twitter auf den Punkt gebracht. “Kinder müssen auch mal laut und quirlig sein. Es steht in ihrer universellen Jobbeschreibung!” Ich kann da nur zustimmen. 

Also wenn ihr kein Profi seid und nur eine Momentaufnahme seht, spart euch die Kommentare. Denn selbst der Profi urteilt nicht aufgrund einer Momentaufnahme. Er entscheidet nur, ob es genauer angesehen gehört oder nicht. Und bis jetzt ist des Profis (Kinderarzt, Erzieherin im Kindergarten und Klassenlehrerin) Meinung zu Mad Max “Intelligenter, kleiner Frechdachs mit Hang zum Dramatischen und einer blühenden Fantasie.” Und DAS treibe ich ihn bestimmt nicht aus, nur weil sich das nicht “schickt”

Hast du auch ein lebhaftes Kind und bekommst solche Aussagen zu hören? Wie gehst du damit um? Mich und viele andere Eltern interessiert es brennend. Erzähle uns davon in den Kommentaren, wenn du möchtest.

Eure Babsi


Update Mai 2017: Es gibt neue Erkenntnisse zu Mad Max Verhalten. Dazu habe ich zwei Beiträge geschrieben

Täglich grüßt… das Hausaufgabendrama und

Hilfe! Hochbegabung?

Mit diesem Beitrag bewerbe ich mich für den scoyo ELTERN! Blog Award 2017: http://www-de.scoyo.com/eltern/scoyo-lieblinge/eltern-blogs/ELTERN-Blog-Award-2017. Drückt die Daumen.

6 Kommentare zu „Kinder dürfen auch mal anstrengend sein“

  1. Lass dich nicht irre machen! Sei stolz auf dein Kind und auf dich, deinem Kind den Rahmen zum Lernen zu geben den es braucht. Und Glückwunsch zu einer Lehrerin die das anscheinend auch kann.
    Ich hab deinen Hausaufgaben Artikel nachgelesen. Und ams Mama eines ADHS Sohnes wäre ich nicht auf diese Diagnose gekommen
    Und danke. Danke für das ADHS anerkennen und würdigen. Den leider haben wir das gegenteilige Problem. ADHSler sind ja nur lebhafte Kinder die vernachlässigt und vor irgendwelchen Medien gepflanzt werden anstatt raus zu gehen und die von den überforderten Eltern mit Drogen vollgepumpt werden.
    Lg

    1. Babsi

      Danke, Karin, für dein Lob für mich und den Artikel. Das tut gut.
      Das ihr euch wiederum alles in die andere Richtung anhören müsst ist nicht fair. Aber wahrscheinlich hört ihr das von der selben Sorte Mensch, die “diagnostizieren”. Welche, die gar nicht wissen, was ADHS ist. So ärgerlich.
      Ich wünsche dir und deiner Familie noch schöne Feiertage.
      Liebe Grüße, Babsi

  2. Tschattabella61

    Super Appell an alle. Kinder sind wie sie sind und mit einigen wenigen Regeln gut zu lenken. Kinder in ihrem Wesen zu brechen ist schon lange out, leider wissen das noch nicht alle.

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